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Zeitreise • Time Travel
Mount Athos

Einer der letzten Inseln der Spiritualität oder Relikt aus dem Mittelalter? Seit tausend Jahren leben in der autarken Mönchsrepublik Athos etwa zweitausend orthodoxe Mönche fern von allem, außer von Gott. Frauen ist die Einreise verboten, die Halbinsel erreicht man nur per Schiff.

Die Mönchsrepublik Athos erstreckt sich als nordöstlichste der drei Halbinseln des griechischen Chalkidiki-Dreizacks in die Ägäis. Sie ist seit dem Jahr 972 politisch eigenständig, steht unter griechischer Verwaltung und stellt für unsere heutige Gesellschaft ein einzigartiges Phänomen dar: Auf der, von alter byzantinischer Tradition geprägten Halbinsel, regieren zwanzig Hauptklöster neben vielen kleinen Mönchsgemeinschaften, angeführt von einem Partriarchen. Die Mönche leben in strenger Askese, in einem engen Tageszyklus zwischen harter Arbeit, Gottesdienst und Meditation.

Die strenge orthodoxe Religion verbietet die Existenz jedes weiblichen Wesens, das größer ist als eine Katze. Es gibt auf Athos keine Milch, da sie als weiblich gilt. Allein die Muttergottes wird verehrt, es soll keine Frauen neben Ihr geben.  Die EU versuchte gegen das Frauenverbot vorzugehen, die Mönche jedoch beruften sich auf alte byzantinische Urkunden, die ihnen bis in alle Ewigkeit Souveränität zusagen.

„Diamonitirion“ wird das Visum für Athos genannt, das für maximal vier Tage gilt. Pro Tag werden nur zehn nicht-orthodoxe Besucher auf die Halbinsel gelassen. Bereits auf der Fähre ist das Bild merkwürdig: Wir sehen eine reine Männergesellschaft: Arbeiter, Mönche und Pilger, Kinder und Frauen fehlen gänzlich. Der Athos begrüßt uns mit schlechtem Wetter, der Berg wird von einer mächtigen Föhnwolke überspült.

Von Lebensfreude bis in sich gekehrt reicht das Minenspiel der Mönche, die auf Athos Ihre Lebenszeit verbringen. Sie meditieren, begegnen jeder Störung mit zornigen Blicken, aber auch der Mönch mit modernem Fluggepäck und Smartphone ist zu sehen. Sie bestellen sich mit dem gleichen Selbstverständnis per Handy ein Boots-Taxi, so wie sie sich jedem Besucher entziehen, der fotografieren möchte, was offiziell streng verboten ist. Begegnet man ihnen aber mit einer gebührenden Offenheit, so wird es manchmal geduldet.

Ein lautes rhythmisches Klopfen empfängt uns auf dem Klosterhof: Der Gottesdienst beginnt. Dumpf und hohl klingt die Stundentrommel, das „Simandron“, wenn der Mönch mit dem großen Holzhammer in kurzem rhythmischen Takt darauf schlägt. Es ist ein langes, eigenartig geformtes Brett, aufgehängt an zwei Ketten.

Das Kloster hat seinen eigenen Tagesrhythmus: Der Tag beginnt abends bei Sonnenuntergang mit Beginn des Gottesdienstes. Es ist die byzantinische Zeitrechnung, adaptiert auf den heutigen Zwölfstunden-Rhythmus. Die antike Zeitrechnung hatte unterschiedlich lange Stunden, so wurde der Zeitunterschied – verursacht durch die Sonnenbewegung – ausgeglichen. Aus diesem Grunde werden die Klosteruhren jeden Tag neu eingestellt. Ein eigenwilliges Attribut an die Neuzeit.

Die meisten Mönche sind einfache Menschen. Intellektuelle Ausnahmen trifft man höchstens als Eremiten an. Eremitagen gehören zu einzelnen Klöstern, genauso wie so genannte Skiten, kleine Siedlungen oder Kirchen, in denen ebenfalls klösterliches Leben herrscht, jedoch immer in Abhängigkeit vom Hauptkloster.

Jacobus ist so ein Eremit, der unweit des Klosters Karakalou ein kleines Haus mit Kapelle bewohnt. Er lädt uns zu einem Gespräch ein, erzählt uns vom Leben als Mönch und von den vielen kleinen Berührungspunkten mit dem Leben „draußen“. Die strengen Regeln – erzählt er – werden oft anders gelebt. So erlaubt er uns während des Gesprächs einige Aufnahmen zu machen, jedoch nicht ohne sich zu erkundigen, wofür wir die Bilder verwenden möchten.

Er liest gerade ein Buch von Hans Küng, dem wohl bekanntesten katholischen Theologen und Kirchenkritiker, was einiges über seine Haltung zum traditionellen Leben am mittelalterlichen Berg Athos schließen lässt. Fortschritt oder etwaige Reformen, erzählt er weiter, sind auf Athos nicht gewollt. Das Leben in der Eremitage gewährt ihm so eine Möglichkeit für Studien und mit seinem intellektuellen Anspruch zu leben.

Zurück auf der Fähre in die Neuzeit sehen wir ein russisches Kloster, das so sauber renoviert ist, wie ein Golf Club. Der Rasen entspricht einem exakt geschnittenen Green und die Rosenstöcke werden auch nicht mehr von Mönchen gegossen, da jeder einzeln automatisch bewässert wird. In jedem Kloster, das wir besuchten, stehen Baukräne und es finden umfangreiche Renovierungsarbeiten statt. Aus der EU flossen ca. drei Milliarden Euro in das UNESCO Weltkulturerbe.

2012042007

In Ouranopolis angekommen, dem weltlichen Anlegehafen, erleben wir noch einen griechischen Sonnenuntergang mit Kaffee, Milch und weiblichen Wesen. Ein gewohntes Bild.

© Christian Hager

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