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Ein Morgen in Chittagong • A Morning in Chittagong

Jeden Morgen fahren Fischer in Chittagong mit ihren Booten zu den durch Umweltgifte verseuchten Fischfangplätzen, mitten in einem der größten Schiffsabwrackplätze der Welt.

© Christian Hager, Picture Alliance / DPA

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Mahmud ist Fischer und Besitzer eines zum Fischerboot umgebauten alten Rettungsbootes eines abgewrackten Ozeanriesen. Es ist früh am Morgen, die Flut steht hoch und der Nebel hängt tief an der Küste in dem etwa 25 Kilometer langen Abschnitt der Schiffsabwrackwerften von Chittagong in Bangladesch. Es ist kurz vor Beginn der Regenzeit, die Luftfeuchtigkeit ist enorm, es riecht nach einer Mischung aus Nebeldunst, Fisch, Altöl, Schweißbrennern und Diesel.

Chittagong ist einer der weltgrößten Abwrackplätze für Schiffe und eine Arbeitshölle, die von Niedriglöhnen, mangelnder Arbeitssicherheit und fehlendem Umweltschutz geprägt ist. Bei der Zerlegung eines Ozeanriesen treten Giftstoffe in unglaublichen Mengen aus. All das wird in Bangladesch weder aufgefangen noch entsorgt. Sie fließen ungefiltert ins Meer, versickern im Boden, verpesten das Grundwasser und den Fisch. Der ist Sand vollgesogen mit Öl, Asbest, Arsen und Dioxinen, der Strand gespickt mit unzähligen Metallteilen, durchsetzt selbst mit radioaktivem Müll. Der einstmals weiße Strand von Chittagong ist heute ein von Öl und Giftstoffen durchtränkter Schlick.

In diesem Küstenabschnitt, der im Nebel einem surrealen Endzeitszenario ähnelt, bringen die Fischer trotz der Verschmutzungen jeden Tag ihren Fang ein. Der große Unterschied zwischen Niedrig- und Hochwasser, der bis zu sechs Metern beträgt, ermöglicht es den Fischern mittels kilometerlanger Barrieren aus Netzen Krabben, Fische und Kleintiere aus dem Watt zu holen. Bei Niedrigwasser gehen die Fischer im metertiefen Schlamm weit draußen zu Ihren Netzen und sammeln ihre Beute ein. Bei hohem Wasserstand fahren sie mit ihren Booten zu den Netzen und Fangstellen mitten zwischen den Schiffswracks. Gefischt wird zum großen Teil mit den aufgestellten Netzen, aber auch mit Handnetzen, zu Fuß im Wasser und im Schlick.

Diesen Morgen nimmt Mahmud uns mit zu den Fischfangplätzen zwischen den Wracks der Ozeanriesen. Sein Helfer Roni steuert das Boot mit großer Geschicklichkeit zwischen den Wracks über gefährliche Untiefen, die aus scharfkantigen Schiffsteilen bestehen. Wir sehen in der Ferne einen Jungen, der weit draußen mit einem Handnetz unterwegs ist, aber auch kleinere Boote die mit Angelleinen dicht zwischen den Wracks fischen. Mahmud und Roni bringen uns einige Kilometer weit hinaus vor die Wrackzonen, wo einige Fischer umgerissene Netze reparieren. Die Tidenströmung ist stark und die einfachen Konstruktionen aus Bambus bieten der Strömung oft nicht genügend Widerstand. Die Männer stehen bei ihrer Arbeit im hüfthohen Wasser. Das Meer ist hier grau bis braun und vollkommen undurchsichtig.

Roni zieht geschickt an der Hanfschnur die zum Gashebel des offenen Diesels führt, während er mit der Pinne steuert, um uns durch die Wracks zu manövrieren. Die Fragen an ihn und Mahmud nach der Verseuchung mit den Giftstoffen werden mit Achselzucken beantwortet. Von Giften ist hier nichts bekannt, der Fisch und die Krabben gehen fangfrisch an die Märkte in der Küstenzone, die vorwiegend von den Arbeitern der Werften bewohnt wird. So geraten die Schwermetalle und Giftstoffe gleich zweimal in die in die Menschen. Einmal durch die Arbeit im Schlamm und zusätzlich durch die Nahrungskette.

Gewinner dieser lebensbedrohlichen Umstände sind die großen Reedereien und die Schiffsindustrie, die ihre veralteten Schiffe extrem günstig entsorgen können. Verlierer sind die Menschen mit ihren Familien an den Schiffsabwrackplätzen von Chittagong. All das ist seit 40 Jahren eingespielt und wird von den Behörden in Bangladesch widerspruchslos toleriert.

© 2014, Christian Hager

A Morning in Chittagong

Every morning the fishermen in Chittagong go out with their boots to their fishing grounds which are polluted by environmental poisons – in the middle of one of the world’s biggest shipbreaking centres.

Mahmud is a fisherman and owner of boat which he had rebuilt from an old lifeboat of an scrapped ocean liner. It is early in the morning in the 15 miles long area of the shipbreaking centres of Chittagong in Bangladesh. The tide is high and dense fog lies deep above the coast. Shortly before the rain seasons the humidity is intense and it smells like a mixture of mist, fish, waste oil, welding torches and diesel.

Chittagong is one of the world’s biggest shipbreaking centres and a working hell characterised by extremely low wages such as 15 Cent per hour, lack of job security and a complete absence of environmental protection. During the dismantling of an ocean liner toxins are released in incredible quantities. They flow unfiltered into the sea, seep into the ground, and pollute the groundwater and the fish. The sand is soaked in oil, asbestos, arsenic, dioxins and the beach dotted with innumerable small metal parts interspersed with radioactive waste. The once white and clean beaches of Chittagong today are soaked with oil and toxic mud.

In the fog the area ressembles a surreal apocalyptic scenario. However despite the pollution the fishermen bring in their catch every day. The large difference between high and low water of up to 6 meters enables the fishermen to catch crabs, fish and small animals with barriers of fishing nets which can be several miles long. At low water the fishermen walk in deep sludge far out to their fishing nets to collect their prey. At high water they go with their boats to the fishing areas right in between the shipwrecks. Mainly they fish with upright positioned fishing nets but also with hand nets and manually in the water and the sludge.

This morning Mahmud takes us to these fishing grounds in the middle of the wracked ocean liners. His assistant Roni navigates the boat skilfully between the wracks and dangerous shallows consisting of sharp-edged vessel parts. Mahmud and Roni bring us out a few miles in front of the wrack zones where some fishermen repair fishing-nets which had been pulled down. The tidal current is strong and the simple constructions made out of bamboo often do not provide enough resistance against the current. The men stand in waist-deep water. The sea is grey and brown and completely opaque.

Roni skilfully pulls on the hemp string which leads to the accelerator of the open diesel engine while he steers with the tiller to navigate though the wracks. The questions to him and Mahmud regarding the pollution with toxins are answered by a shrugging of shoulders. Nothing is known here about the poisons. Fish and crabs are sold in the markets of the coastal area where mainly workers of the shipbreaking centres live. In this way the heavy metals and toxins are ingested even twice: Once through the work in the sludge and additionally trough the food chain.

The winner of these life threatening circumstances are the large shipping companies and the shipping industry which can dispose their old ships to extremely cheap conditions. The losers are the people with their families who live and work with the shipbreaking centres in Chittagong. All of this is practiced for 40 years and tolerated without any objection by the authorities of Bangladesh.

© 2014, Christian Hager

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